Nachwuchs-Taubenzüchter aus Nordkirchen mit 42

NORDKIRCHEN. Taubenzüchter haben ein Problem: Sie werden immer weniger. Tauben zu züchten ist ungefähr so modern wie Hippiehosen aus den 70ern. Wir wollten wissen, wie es um die Taubenzüchter in Nordkirchen steht. Ein Erfahrungsbericht mit Video.

Taubenzüchter Emil Schwick(42) und seine Tauben sind unzertrennlich.
Taubenzüchter Emil Schwick(42) und seine Tauben sind unzertrennlich.

Als ich Bernd Schlüter vom Taubenverein Sturmvogel erreiche, schlägt er vor, zu Emil Schwick zu fahren. Er sei einer der Newcomer im Taubenbusiness. Ihm gehöre die Zukunft. Auf der Suche nach den Taubenzüchtern in Nordkirchen fällt schnell auf: Die Szene ist alt. Vier Taubenzuchtvereine gibt es in Nordkirchen: Sturmvogel, Gute Hoffnung, Flieg und Sieg sowie Auf zur Heimat.

 

Schon in den vergangenen Jahrzehnten hat die Reisevereinigung Germania Werne viele Mitglieder verloren. „Als ich damals angefangen habe, waren wir noch 120 Züchter in der RV. Heute sind es noch 85, aber wir haben schon wieder 20 von woanders aufgenommen“, erzählt Emil Schwick in seiner Gartenlaube.

 

Hunde hält ja auch jeder...

 

Als Emil Schwick eine Taube holt, frage ich mich, warum das überhaupt so ist. Hunde hält ja auch jeder, Katzen auch. Warum dann nicht auch Tauben? Er hat seine Taube mit der Ringnummer 745 in den Händen. Hat die Angst? „Keinesfalls“, antwortet der Tierzüchter. Sie ist seine zutraulichste Taube, erklärt er. Emil Schwick hält sie in den Händen. Sie wirkt nicht, als wolle sie weg. Und auf der Schulter bleibt das Tier auch sitzen. Dann lässt er sie wieder fliegen.

 

Schwick ist eine absolute Ausnahme in der Szene. Er ist jung. „Wir sind eine Taubenzüchterfamilie, mein Opa hatte Tauben, mein Vater hatte Tauben, meine beiden Onkels haben Tauben. Ich bin in die ganze Geschichte reingewachsen“, sagt er. Der Taubenzüchter ist 42 Jahre alt, zieht den Altersschnitt weit nach unten. Bernd Schlüter sitzt auf der Holzbank neben Schwick. Schlüter ist 81. Damit gehört er zwar zu den ältesten Taubenzüchtern der Gemeinde. Aber in dieser Altersspanne tummeln sich viele Züchter.

 

Aufgezogen wegen Taubenzeitschriften

Eigentlich hatte Emil Schwick lange Fußball gespielt, ambitioniert in der Verbandsliga und Oberliga. Immer wieder ist er schief angeguckt worden. „Wenn wir gegen Bielefeld oder Lotte gespielt haben und länger mit dem Bus gefahren sind, habe ich Taubenzeitschriften gelesen. Die Mitspieler haben mich dann aufgezogen.“

 

Ärgern ließ er sich davon nicht. „Sie haben gemerkt, dass mich das nicht interessiert, bis es so weit war, dass ich fünf Zeitungen mitbringen musste. Wenn ich heute Leute treffe, mit denen ich vor 15 Jahren gespielt habe, ist die erste Frage: Was machen die Tauben?“

Abgeben wollte er die Tauben seines Vaters nicht, als dieser einen Schlaganfall erlitt. Und so führte Schwick junior die Tradition fort: „Ich bin froh, dass meine Frau das akzeptiert. Sie kannte das Elend ja schon vom Fußball, als ich immer unterwegs war.“ Dort sind auch seine Kinder untergekommen.

 

Unterschied zwischen Straßen- und Reisetaube

 

Das ist typisch. Das Interesse ist ansonsten nicht besonders hoch. Die Tiere haben kein gutes Image. Angeblich übertragen sie Krankheiten, vermehren sich unkontrolliert und koten die Innenstädte voll – viele Vorurteile halten sich wacker in der Gesellschaft, die meisten stimmen nicht.

 

Zwischen einer Reisetaube und einer Straßentaube liegt ein himmelweiter Unterschied. Die einen sind Hochleistungssporttiere, die anderen kämpfen ums nackte Überleben. Brieftauben bekommen ein spezielles Futter, das sie kräftigt. Die wilden Tauben fressen Nahrung, die sie nicht vertragen.

 

Als ich den Schlag betrete, wird der Aufwand deutlich: Jedes Taubenpaar hat eine eigene Zelle, in der es leben kann. Bestimmt 30 Zellen gibt es hier. Wobei Zellen nach Gefängnis klingen. Eingesperrt sind sie nicht. Vier Stunden täglich sind Emil Schwick und sein Kollege Pawel Grondei in der Reisesaison mit den Tieren beschäftigt, sagt er.

 

Hightech für Tauben

 

Die Taubenschläge müssen sauber gemacht werden und werden zur Erholung nach langen Flügen bekommen die Tauben sogar manchmal ein Bad in warmem Wasser. Hinter den Wänden befindet sich Hightech. Eine Heizung und eine Lichtanlage hat der Schlag, alles in dreifacher Ausführung: Neben dem Schlag für seine Reisetauben gibt es noch den Zuchtschlag und den Schlag für die Jungtauben.

 

Dreckig ist keines von Schwicks Tieren. Das Gefieder der Vögel ist weich. Während man anfangs noch dem Kontakt abgeneigt war, weicht diese Hemmschwelle langsam. Schwick streichelt „Lewandowski“ über die Federn. Lewandowski ist Pole, hat am Ring auch ein polnisches Erkennungszeichen.

 

Und passend wohnte er vergangenes Jahr noch in einer Zelle mit gelben Wänden. Die Farben dienen der Orientierung. Jetzt wohne Lewandowski in einer blauen Zelle. Nebenan im Zuchtschlag befinden sich die gerade geschlüpften Tiere. Hier wohnt auch „698“, lange Zeit der Star in Schwicks Mannschaft. „Die Taube kennt in der RV jeder“, sagt er.

 

"698" - Star im Ruhestand

 

Kein Wunder, „698“ war in den beiden Vorjahren der beste Vogel in der Reisevereinigung Germania Werne, zu der die Nordkirchener, Herberner und Werner Vereine gehören. Jetzt ist die Preistaube nur noch Zuchttier. Bis zu 20 Jahre alt kann sie werden. Und sie hat schon für jede Menge Nachwuchs gesorgt. Die jüngsten Tiere im Zuchtschlag sind wenige Tage alt.

Schwick hängt an den Tauben: „Für die Taube wird alles getan. Sie wird nur zum Flug eingesetzt, wenn sie fit ist. Das Verhältnis zwischen Taube und Züchter ist wichtig.“ Immer wieder geht der Blick nach draußen. Von einem Trainingsflug sind bislang nicht alle Tauben zurückgekehrt.

 

Der Züchter wird da nervös. „Ich vermute, dass ein Sperber oder Habicht reingeflogen ist. Dann flüchten alle und kommen erst nach und nach. Es fehlt noch meine beste Taube“, erklärt er.

 

Tierschutz und Taubensport

 

Wenn die schnellen Renner nicht ankommen, „dann kann ich heute Nacht nicht pennen. Man möchte, dass jede wiederkommt und dass es ihr gut geht“, meint Schwick und ist verärgert über die Greifvögel: „Das sind schöne Tiere. Aber es sind Tauben unterwegs, die mehrere Tausend Euro kosten und einfach gefressen werden“, meint Schwick. Hier kollidieren Tierschutz und Taubensport.

Bevor Bernd Schlüter aus dem Auto aussteigt, blickt er sich in seiner Nachbarschaft um. „Da hat mal einer gewohnt, der hatte Tauben“, sagt er und zeigt nach vorne raus. „Dort auch und da hinten waren auch mal zwei.“ Ich frage nach der Zukunft, greife eine Zahl aus der Luft: „Blicken wir mal 20 Jahre voraus. Gibt es dann überhaupt noch Taubenzüchter?“ Schlüter entgegnet: „So lange wird es nicht mehr dauern.“ 

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